Allgemein, Tod

Vom Umgang mit Tod und Toten

Liebe Frau Blog,

im letzten Monat habe ich einen Text für das Magazin der Semperoper in Dresden geschrieben. Hintergrund der Anfrage war folgender: Am 2. Juni feiert das Ballettprogramm »100°C« Premiere, das mit einer Uraufführung von Hofesh Shechter mit dem Titel »Corpse de Ballet« aufwarten wird. Der israelische Choreograph und Tänzer Hofesh Shechter hat sich für dieses Stück intensiv mit dem Tod und unserem Umgang mit den Toten auseinandergesetzt. Ich durfte mir dazu meine eigenen Gedanken machen, die nun im Semper!-Magazin Nr. 6 der Spielzeit 2017/2018 veröffentlicht wurden. Im Folgenden der Essay und weiter unten finden Sie einen Link, unter dem Sie sich das ganze Heft als PDF herunterladen können.

Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung!

Ihr Dirk Pörschmann

 

Vom Umgang mit Tod und Toten

 

»Kommt, reden wir zusammen, wer redet ist nicht tot, (…).«
Gottfried Benn, »Kommt« (Gedicht), 1955

Wer den Tod nicht kennt, kann das Leben nicht verstehen. Wie der Anfang ist auch das Ende ein essenzieller Teil von ihm. Doch die Erkenntnisse, die sich durch die dialektischen Beziehungen von Geburt und Tod sowie Leben und Sterben vermitteln, sind uns stets nur annähernd zugänglich. Der Tod bleibt für jeden Menschen das letzte Rätsel. Er ist unvorstellbar. Die Religionen bieten Erklärungen an und haben die Phase des Übergangs vom Leben in den Tod rituell gestaltet, so dass Gläubige darin Halt finden können. Die Künste setzen der Unvorstellbarkeit des Todes konkrete Bilder entgegen. In der Medizin, der Anthropologie, der Ethnologie oder den Kulturwissenschaften lässt sich der Tod objektiv beschreiben und erklären, doch wie die Geburt entzieht er sich dem Betroffenen in seiner Kommunikationsfähigkeit. An meine Geburt kann ich mich nicht erinnern, und von meinem Tod werde ich nicht mehr erzählen können.

Die Kulturgeschichten des Sterbens und Bestattens sowie des Trauerns und Gedenkens bieten die Möglichkeit, sich dosiert mit der eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. Das in Europa einmalige Museum für Sepulkralkultur in Kassel bietet hierfür seit 1992 vielfältige Formen musealer Auseinandersetzungen. Die Geschichte der Sepulkralkultur ist voller Todesmetaphern. So entwickelte sich wahrscheinlich unter dem Eindruck der katastrophalen Pestepidemien im 14. Jahrhundert die Vorstellung des sogenannten »Totentanz’«. Der als Knochenmann dargestellte, personifizierte Tod kann jeden Menschen, ohne soziale Unterschiede, zu jeder Zeit abholen, und ihn dabei mitten aus dem Leben reißen. Jede und jeder kann zum Tanz aufgefordert werden, und niemand kann dieses Angebot ablehnen. Wer hier mit wem tanzt, wer diesen Paartanz führt, ist klar. Der moralische Zweck solcher Vorstellungen liegt auf der Hand: Man muss bereit sein und stets gottgefällig leben. Was mahnt uns heute an einen plötzlichen Tod, wenn wir morgens das Haus verlassen?

Stirbt ein Mensch, verändert sich alles. Die Person ist nicht mehr da, und doch ist ihr toter Körper noch gegenwärtig. Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho hat den Begriff des »Leichenparadox« geprägt, also den Widerspruch »von Anwesenheit und Abwesenheit, Identität und Identitätslosigkeit.« Hinterbliebene schauen auf einen Verstorbenen, berühren und betrauern ihn. Ohne zu begreifen, was der Tod ist, erkennen sie deutlich, dass der Mensch vor ihnen nicht mehr lebt. Die Ehefrau, der Vater oder der Freund sind zu Toten geworden. Diese unerklärliche und darin unheimliche Erfahrung prägt menschliche Zivilisationen seit ihren Anfängen, und die Wahrnehmung des Todes hat sich seitdem wahrscheinlich kaum verändert – wohl aber unser Umgang mit dem Tod und im Besonderen mit den Toten.

Die persönliche Erfahrbarkeit vom Sterben und Tod der anderen ist in den modernen Gesellschaften durch Rationalisierung, Effizienzwillen und Bürokratie deutlich erschwert worden. Nachdem im Europa des frühen Mittelalters die Erdbestattung in das Zentrum der christlichen Gemeinden rückte und damit die antike Tradition der Beisetzung »extra muros« (außerhalb der Stadtmauern) überkommen war, wurden seit dem späten 18. Jahrhundert die Toten nicht mehr in oder neben den Kirchen beerdigt. Aus hygienischen Gründen und Platzmangel entstanden Friedhöfe am Rand der bewohnten Bezirke. Den Ausgang nahm diese Entwicklung bereits infolge der Reformation. Das alltägliche und geschäftige Leben im Zentrum der Städte wird seitdem nicht mehr von der Anwesenheit des Todes gestört. Keine Leichenprozession ist mehr sichtbar. Alle organisatorischen Schritte hin zu einer Bestattung geschehen im Stillen und Verborgenen. Nur noch Staatsbegräbnisse erregen öffentliche Aufmerksamkeit, und Todesanzeigen zeugen vom ursprünglichen Bedürfnis, den Tod eines Mitmenschen öffentlich zu betrauern. Frühgeschichtliche Zivilisationen wurden durch den Verlust eines Angehörigen erschüttert, und die Rituale des Abschieds hatten die Funktion, in der gemeinsamen Trauer die Struktur der Gemeinschaft zu stärken. Heute erleben nur noch diejenigen, die direkt vom Tod Angehöriger oder Freunde betroffen sind, und jene Menschen, die als Pflegekräfte, Ärzte, Sanitäter, Bestatter oder Seelsorger arbeiten, den Tod der anderen. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist in die Lage versetzt, die rationale und emotionale Auseinandersetzung mit dem eigenen Ableben erfolgreich zu vermeiden. Solange wir in einer engmaschig vernetzten Konsum- und Medienwelt funktionieren und konsumieren, sind wir Teil der Gesellschaft und fühlen uns lebendig.

Dagegen wird die mediale Verarbeitung des Todes immer intensiver betrieben. In der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs weitgehend friedlichen westlichen Welt ist das gesellschaftliche Bedürfnis gewachsen, das reale Erleben von Gewalt und Sterben, das für Jahrtausende kulturprägend war, medial zu vermitteln. Das aus der direkten Erfahrungswelt Evakuierte kehrt in der Kultur und den Medien zurück in unsere Wahrnehmung. Selbst Wiedergänger wie Vampire und Zombies prägen seit langem Literatur und Film. Eine neue Sichtbarkeit des Todes wurde in den Kulturwissenschaften bereits proklamiert, doch erscheint sie eher wie der Ort hinter den Spiegeln. Vor dem Spiegel herrschen vor allem Jugendkult, Selbstoptimierung und Narzissmus. Realen Bedrohungen wie dem Terror begegnet unsere Gesellschaft dagegen meist mit Hysterie.

Dem Streben nach einem individuellen Leben in modernen Gesellschaften steht die deutliche Zunahme der Anonymisierung des Sterbens und der Bestattungsformen gegenüber. Sie können als weiterer Schritt einer Rationalisierung und der damit verbundenen Zurückdrängung des Individuellen im Tod gedeutet werden. In dem seit vielen Jahrzehnten ansteigenden Wunsch nach Feuerbestattungen mag sich zudem eine bis in den Tod reichende Körperfeindlichkeit post-industrieller Gesellschaften offenbaren. Der Körper darf nicht langsam verwesen, sondern soll sauber und effizient verbrannt werden, um ihn danach möglichst platz- und kostensparend – halb- oder ganz anonym – beizusetzen. Oder die Urne mit den Überresten des geliebten Menschen steht im Regal, ohne öffentlichen Gedenkort, der Gemeinschaft entzogen, doch dafür stets mobil und anwesend. Die wichtige Funktion, die eine Bestattung im Prozess von Abschied und Trauer innehat, wird dabei ignoriert.

Alternativ zum konfessionellen oder kommunalen Friedhof bietet sich seit 2001 die Naturbestattung im Friedwald bzw. Ruheforst an. Die Hinterbliebenen sollen möglichst keine Arbeit mit den Toten haben, was zu einem deutlichen Wandel der Dienstleistungen im Bereich der Bestattungskultur führte. Der deutsche Sehnsuchtsort Wald wird zur romantischen Metapher des beschleunigten Eingehens in den Kreislauf der Natur. Die rückstandslose Kompostierung findet also wieder »extra muros«, ja sogar weit außerhalb der bewohnten Zivilisation statt. Niemand muss dort ein Grab gestalten, noch pflegen, und die langen Ruhezeiten beruhigen die Nachfahren zusätzlich, da sie sich die Frage nicht mehr stellen müssen, was nach ihrem Ablauf sein soll. Diese Form der Entsorgung der sterblichen Überreste dient vor allem dazu, den Nachkommen oder Verwandten Sorgen zu nehmen. Die Bedeutung des Verlusts eines Gedenkorts im sozialen Gefüge des Wohnorts wird meist nicht wahrgenommen, denn die Anforderungen an eine mobile Gesellschaft haben viele Familien längst in alle Himmelsrichtungen verteilt. Trauer und Gedenken lösen sich zunehmend von einem Ort, wandern zum Teil in den digitalen Raum und werden virtuell in den sozialen Medien gelebt.

Tatsächlich befassen sich immer mehr Menschen mit der Frage, wie und wo sie bestattet werden möchten. Die Formen und Möglichkeiten haben sich in den letzten zwanzig Jahren vervielfacht, und diese Diversifikation bietet auch die Chance, eines umfassenden Dialogs, wie er in einem Museum für Sepulkralkultur möglich ist. Der Umgang mit dem Tod umfasst zwei entscheidende Bereiche des Lebens, und hieraus bezieht die Sepulkralkultur eine dauerhafte Aktualität: Zum einen das öffentliche, das soziale Miteinander, das sich in Bestattungs- und Trauerformen sowie in Ritualen des Gedenkens manifestiert. Zum anderen das persönliche Sterben, das jeden betrifft. In diesem Spannungsfeld zwischen Wir und Ich, zwischen Geburt und Sterben, zwischen Freude und Trauer findet sich das Leben.

Download Semper!-Magazin, Nr. 6, Jg. 2017/2018 {PDF: 48,4 MB}

Standard

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.