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documenta 14: Learning from?

Liebe Frau Blog,

vor gut zwei Wochen bin ich von einer Kurzreise nach Athen zurückgekehrt, wo ich mir die erste Station der documenta 14 angeschaut habe. Es waren fünf Tage in einer Stadt, die trotz der Masse der dort lebenden und sich bewegenden Menschen einen entspannten Eindruck hinterlassen hat. Der Anlass des Besuchs war die erstmalige Eröffnung einer documenta, die nicht in ihrer Geburtsstadt Kassel stattfand – hier wird es erst am 10. Juni losgehen. Wie zahlreiche Kasseler bin ich aufgebrochen, um zu sehen und zu erleben, was sich vom ambitionierten Projektdes künstlerischen Leiters, Adam Szymczek, an den verschiedenen Orten manifestierte. Ich wollte begreifen, wie Athen zur Partnerstadt der documenta 14 werden konnte und worin die Brisanz ihrer Auswahl lag. Ich habe das Konzept so verstanden, dass die griechische Hauptstadt als Musterbeispiel für einen Ort steht, der durch die kapitalistische Gier neoliberalistischer Markttendenzen in eine Krise gestürzt wurde und durch eine Festschreibung oder Institutionalisierung von Schuld(en) um eine prosperierende Zukunft gebracht wird.

Einen guten Überblick über die verschiedenen Orte und Arbeiten bieten die Beiträge von María Muñoz im Chrom Art Magazin:

  1. documenta 14. „Learning from Athens“, part I
  2. documenta 14. „Learning from Athens“, part II
  3. documenta 14. „Learning from Athens“, part III

Auffällig ist die Beteiligung von Künstler/-innen indigener Völker. Dies erscheint wie die Suche nach dem positiv besetzten Ursprung der Kunst, der als Antipol einer globalen Kunstmarktkunst verstanden wird. Nachhaltigkeit, traditionelle Formen, gerechte Arbeitsmethoden, Kontemplation und Entschleunigung stehen im Vordergrund und sollen als Schild gegen die Allmacht spekulativer Wirtschaftsinteressen dienen. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber ist das eine zeitgemäße und sinnvolle Reaktion auf die vermeintliche Dominanz des globalisierten Kunstmarktes? Ich verstehe, warum diese nicht kolonialisierten, aber häufig unterdrückten und ausgebeuteten Völker interessant für das Konzept der documenta 14 sind, aber Sie spüren meine Zweifel, die sich v.a. an den ausgestellten Werken festmachen. Vieles war mir zu eindimensional, doch ich will mein Urteil nicht vorschnell fällen, sondern die Ausstellung in Kassel abwarten.

Flugblatt, verteilt am 09.04.2017 in Athen

Aus Athen hört man viel Kritisches. Die documenta-Macher hätten nicht zugehört, wie könne man dann überhaupt „Von Athen lernen“? Die griechischen Kunstschaffenden fühlen sich übergangen und das Athener Publikum nicht angesprochen. Wieder einmal habe eine große westeuropäische Institution mit einem unvorstellbar hohen Budget das Kommando in Athen übernommen. Poka-Yio, Direktor der Athens Biennale, sieht keine inhaltlichen Bezüge zur Stadt Athen. In einem Interview für den Deutschlandfunk resümiert er:

„Natürlich gibt’s auf der documenta tolle Kunst zu sehen. Aber man muss sich mal das große Ganze angucken. Ich war bei der Eröffnung im Museum für Zeitgenössische Kunst: Da waren viele Leute aus der internationalen Kunstszene, mit ihren schicken Klamotten. Und vor den Türen des Museums: Da war das richtige Athen, mit seinen Gerüchen, seinen Geräuschen, seinen Problemen. Aber drinnen hat man davon rein gar nichts gespürt. Diese Ausstellung hätte genauso gut in Zürich, in Basel oder sonst wo stattfinden können.“

Ich war nur kurz in Athen, aber mein Eindruck war ähnlich. Wieso Athen? Diese Frage wird bleiben. Etwas ist dem künstlerischen Leiter, Adam Szymczek, erstmalig ‚gelungen‘: Er hat die documenta (das Kasseler „Museum der 100 Tage”) – zugegebenermaßen mit einem großen finanziellen und organisatorischen Aufwand – durch die beiden Ausstellungsorte um 63 Tage verlängert, und das entspricht ganz den Wünschen eines wachsenden, globalen Kunstzirkus. So verzeichnet auch die Biennale in Venedig immer längere Laufzeiten. In Szymczeks Einführungstext im documenta 14 Reader findet sich jedoch eine ganz andere Hoffnung, die er sich mit der Ausstellung nicht erfüllen konnte: ein Aufruf gegen die Expansion:

„Das kollektive und historische ‚Wir‘ der westlichen Zivilisation, unsere unaufhaltsame Eroberung von Ländern und der unstillbare Hunger nach der Verbreitung ‚unserer‘ Lebensweise (…) haben uns an einen Punkt gebracht, wo wir ernsthaft darüber nachdenken könnten, zu schrumpfen statt zu wachsen. Man kann nirgends mehr hingehen. Die Welt ist restlos bekannt und endet hier.“ (S. 33)

Die documenta 14 expandiert räumlich und zeitlich, und die Menge an Ausstellungsorten in Athen und an Künstler/-innen beweist, dass Szymczek einen Wunsch formuliert, den er jedoch nicht verfolgte. Das Nicht-Wollen wird auch in der Sprache deutlich, denn er  wählte den Konjunktiv von „können“, so dass seine Worte in Verbindung mit den tatsächlichen Gegebenheiten der documenta in Athen und Kassel verhallen. Die documenta 14 ist ein ambitioniertes und kostspieliges Projekt, das an den eigenen Ansprüchen zu scheitern droht, doch für ein abschließendes Urteil muss der zweite Akt in Kassel abgewartet werden. Wie so oft bleiben im Moment allein die Kunstwerke als Hoffnung auf ästhetische Erfahrungen und kleine Verwandlungen des alltäglichen Seins. Ich freue mich besonders auf ein Wiedersehen mit der filmischen Arbeit von Amar Kanwar. Ich habe keine ausgeprägte Leidenschaft zur Gattung Videokunst, aber Kanwars Such a Morning hat mich ganz überraschend aus dem Trubel der Previewtage entführt, und noch heute klingen die Bilder in mir.

Demnächst mehr zu diesem Thema… Bis dahin empfehle ich den Artikel von Hanno Rauterberg in DIE ZEIT.

Ihnen Frau Blog, wie immer, allzeit frischen Code!

Ihr Dirk Pörschmann

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