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Rangordnungen

Liebe Frau Blog,

in dieser Woche erschien die 15. Ausgabe eines bekannten Rankings aus der Kunstszene: die ArtReview Power 100 Liste. Spiegel online titelte zugleich: Das sind die Mächtigsten der Kunstwelt 2016

Ein Ranking ist ein vor allem in der Wirtschaft benutztes Werkzeug, um in einer einfachen Liste die ökonomische Bedeutung und Werthaltigkeit von Unternehmen, Produkten, Superreichen etc. aufzuführen. Rankings machen nur Sinn, wenn Vergleichbares in eine bewertende Reihenfolge gesetzt wird. Bei Sportereignissen wie Olympia geht es, nach Geschlechtern getrennt, um Zeit, Höhe, Weite, Schwierigkeitsgrade usw. Beim Militär gibt es Rangabzeichen, die nach Ausbildung sowie Orden, die nach vermeintlicher Tapferkeit verteilt werden und eine Rangordnung erzeugen. Stets geht es immer um Hierarchien von Vergleichbarem. Seit den ersten Tagen des Internets haben sich Rankings in wirklich allen gesellschaftlichen Bereichen etabliert. Alles ist irgendwie bewertbar.

Die britische Kunstzeitschrift ArtReview gibt seit 2002 die Rangliste Power 100 heraus, und sie beinhaltet einhundert Namen von Künstler/-innen, Galerist/-innen, Direktor/-innen von Museen, Biennalen, Kunstmessen, Auktionshäusern oder Kunstakademien, Sammler/-innen und natürlich die Namen der allmächtigen Kurator/-innen. Genau ein Viertel der Mächtigen sind Künstler/-innen, davon immerhin drei unter den Top Ten. Die Listen sind nach Nationalitäten (wozu?) und Funktionen in der Kunstwelt sortierbar. Hans Ulrich Obrist steht mal wieder an der Spitze. Das ist keine Überraschung, denn es geht ums große Ganze, ums globale Geschäft. Die Zusammenhänge von Kunst und Kommerz sind vielfältig und noch vielfältiger besprochen und beschrieben worden; so etwa von Wolfgang Ullrich in seinem thesenstarken Buch Siegerkunst: Neuer Adel, teure Lust.

Was ist das Ziel von solchen Rangordnungen, die nach wirtschaftlichem Einfluss bewerten? Und was sind die Bewertungskriterien? Auf der Website von ArtReview findet sich ein Hinweis auf die jährliche Genese der Liste:

„A considered analysis of what power means in the contemporary artworld at a particular time, the Power 100 is compiled each year in consultation with an invited international panel of writers, artists, curators and critics, with rankings based on an individual’s – or group’s – international influence over the production and dissemination of art and ideas within the artworld and beyond over the past 12 months.“ (Quelle: ArtReview, 20.10.2016)

Demnach soll es sich um eine umsichtige Analyse handeln, die klären kann, was Macht in der Kunstwelt heute bedeutet. Die Liste der eingeladenen Autor/-innen, Künstler/-innen, Kurator/-innen und Kunstkritiker/-innen, die über die Power 100 bestimmen, sind namentlich nicht aufgeführt – auch nicht ihre bloße Zahl. Gibt es Schnittmengen? Wahrscheinlich. Wie wird ermittelt, welche Personen auf der Liste landen? Und wie unterscheidet sich Platz 15 von Platz 76? Davon erfährt man leider nichts. Da hilft nur das Vertrauen, dass das Kunstmagazin und seine professionellen Helfer objektiv und ohne persönliche Verstrickungen analysiert haben. Kaum vorstellbar. Die entscheidende Frage ist aber nicht jene nach subjektiven Befangenheiten, sondern nach der Intention. Was ist das Ziel des Rankings? Sollen Sammler/-innen damit erkennen, welche Galerien die wirtschaftlich erfolgreichsten sind, um dann nur noch dort zu kaufen? Absurde Vorstellung. Über die Kunst, die diese Galerien verkaufen, über die Künstler/-innen, deren Agenten sie sind, sagt das Ranking ja nichts. Bei den Künstler/-innen und ihrer Kunst ist das genauso. Oder die  Gruppe der Museumsdirektor/-innen oder Kurator/-innen: Keiner der Ausstellungsmacher würde über eine solche Liste etwa Künstler/-innen für gemeinsame Projekte aussuchen. Es geht nicht um die Kunst als Kunst, sondern um die Kunst als Ware und damit als Wirtschaftsfaktor. Wer unter den Power 100 ist, kann oben bleiben. So können Galerien, Museen, Auktionshäuser oder Akademien die Mächtigen kurzfristig oder dauerhaft an ihre Institution binden, um an Renommee zu gewinnen; natürlich immer in der Hoffnung, dass die oder der Betreffende auch noch im kommenden Jahr auf der Liste stehen wird. Es ist ein dauerhafter Wettstreit, den man aber nicht sportlich nennen kann, denn dazu müssten die Regeln bekannt sein. Zudem müssten die Teilnehmer willentlich am Wettkampf teilnehmen. Werden die Power 100 gefragt, ob sie auf solch einer Liste auftauchen möchten?

Der altväterlich-pessimistische Spruch „Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu“ kommt mir in den Sinn, doch das führt nicht weiter. Obwohl sich schon der Eindruck aufdrängt, dass der sogenannte Matthäus-Effekt provoziert werden soll: Erfolge (hier Platzierungen) erzeugen Aufmerksamkeit, die über angebotene Projekte zur verstärkten Bereitstellung neuer Ressourcen führt, was wiederum die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs deutlich erhöht – ein sich selbst verstärkender Effekt. Das ist der Nutzen für die Lucky Few, und ArtReview hat sich in die attraktive Rolle der Meta-Jury gebracht. Eine Win-Win-Situation, die zudem noch billig zu haben ist. Einfach genial! Und dann kann ich mir auch noch Gedanken dazu machen und damit die Zeit vertreiben. Noch besser!!

Aber was hat das mit Kunst zu tun?

Ihnen wie immer allzeit frischen Code!

Auf bald

Ihr Dirk Pörschmann

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