Kunst, Medien, Wahrnehmung

»Der ›digitale Schein‹ ist das Licht, das für uns die Nacht der gähnenden Leere um uns herum und in uns erleuchtet.«

Liebe Frau Blog,

die in der Überschrift zitierten Worte sind 25 Jahre alt. Vilém Flusser hat sie 1991 in seinem Text „Digitaler Schein“ aufgeschrieben.

»Der ›digitale Schein‹ ist das Licht, das für uns die Nacht der gähnenden Leere um uns herum und in uns erleuchtet.
Wir selbst sind dann die Scheinwerfer, die die alternativen Welten gegen das Nichts und in das Nichts hinein entwerfen.«

(In: Vilém Flusser: Lob der Oberflächlichkeit. Für eine Phänomenologie der Medien, Bensheim und Düsseldorf 1993, S. 285.)

Wie seltsam vertraut dies heute klingt. Vor einem Vierteljahrhundert gab es noch kein WorldWideWeb, keine Smartphones oder Tablets, kein Facebook, Twitter & Co., keine LED-TVs mit Internetverbindung und keine Omnipräsenz des Digitalen im öffentlichen Raum. Müssen Flussers Worte damals nicht seltsam geklungen haben? Flusser hat die digitale Beschleunigung nicht mehr erlebt, denn er verstarb im selben Jahr. Ist seitdem die Leere um uns (oder in uns) noch größer geworden? Der digitale Schein leuchtet in jedem Fall heller. Sind Blogger oder andere unaufhörlich zwitschernde Vögel tatsächlich „Scheinwerfer, die die alternativen Welten gegen das Nichts und in das Nichts hinein entwerfen“? Oberflächlich betrachtet, mag dies so sein, aber was bietet all das mehr als die analoge, die greifbare Welt der Dinge, der persönlichen Begegnungen, der wahrnehmenden Körper? Sind es Spiegelungen dieser Welt, die in den digitalen, den sozialen Medien verzerrt auftauchen oder sind es neue Bilder, neue Inhalte, die entstehen?

Mit diesen Fragen lasse ich Sie an diesem Abend allein zurück. Doch zuvor möchte ich Sie auf Reflexionen aufmerksam machen, die elaborierter sind und Antworten bieten. Das Flusser-Zitat steht am Anfang eines Textes, den ich 2010 für die von Christoph Kronhagel herausgegebene Publikation Mediatektur: Die Gestaltung medial erweiterter Räume verfasst habe. Damals habe ich versucht, den im Entstehen befindlichen Begriff der „Mediatektur“ mithilfe von historischen Beispielen zu fassen. Es war Ein Denkversuch zu mediatektonischen Ansätzen in Kunst, Medien und ihren Theorien, der mir viel Freude bereitet hat, weil ich einige kulturhistorische Wurzeln der Mediatektur in unterschiedlichen künstlerischen Gattungen finden konnte. Es ist bestimmt auch etwas für Sie dabei, liebe Frau Blog!

Auf bald und schlafen Sie gut in der „Nacht der gähnenden Leere“.

Ihr Dirk Pörschmann

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