Bildhauerei, Kunst

Kunst als innere Notwendigkeit

Liebe Frau Blog,

in meinem letzten Brief hatte ich Ihnen über den Maler Jef Verheyen geschrieben. Durch die Arbeit am Verheyen-Katalog lernte ich bei Axel Vervoordt in ’s-Gravenwezel den belgischen Bildhauer Dominique Stroobant kennen. Ich führte ein Interview mit ihm, um seine Freundschaft mit Verheyen zu thematisieren. Das Gespräch können Sie hier lesen.

Dominiques Wesen und seine Skulpturen begannen, mich zu faszinieren, und als sich die Möglichkeit ergab, mit ihm eine Publikation zu erarbeiten, folgten viele weitere Stunden intensivster Gespräche und eine Reise nach Carrara, wo Dominique in unmittelbarer Nähe der berühmten Steinbrüche lebt. Die Berge sehen dort aus, als würden Titanen den Marmor verspeisen. Zugleich wachsen sie langsam und unaufhörlich weiter. Wie kaum an einem anderen Ort bekommen die Steine etwas Lebendiges. Stein wächst, dehnt sich aus, nimmt Wasser auf oder gibt es ab. All das sollte der minatore und der Bildhauer wissen und wahrnehmen können, um seine Arbeit gut und sicher zu machen. „Das Gewicht schläft nie“ ist eine dieser vermeintlich banalen Weisheiten.

Carrara 30. Juli 2011

Carrara 30. Juli 2011 / Foto: Dirk Pörschmann

Dominiques Freund, der Fotograf Luigi Biagini, hat beeindruckende Bilder dieser von Menschen gestalteten oder verunstalteten Landschaft gemacht. Doch von den Bergen Carraras zurück zu Dominiques Arbeit. Er ist nicht „nur“ Bildhauer. Kategorien wie Künstler, Philosoph, Sammler, Soziologe, Galerist oder die kaum fassbare Meta-Kategorie „Kunst“ spielen für ihn selbst keine Rolle. Er passt in keine Schublade, also entspricht keiner der üblichen Einordnungen, die Rollen, Funktionen und damit berechenbare Verhaltensweisen festlegen wollen. Er lebt nach eigenen Gesetzmäßigkeiten und hat darin den Mut und die Kraft, seine Ideen umzusetzen. Dominique ist ein Urheber, der es vermag, seine aus Neugier geborenen Fragen in Traumbilder und Inventionen zu übersetzen und diese in Materie zu transformieren. Seine Skulpturen erheben sich aus der Tiefe seines schöpferischen Geistes, der mit einem Steinbruch vergleichbar ist: gewachsen aus den tradierten Sedimenten der menschlichen Kultur- und Technikgeschichte. Warum er das tut? Weil er seiner Leidenschaft folgt: „Wenn Kunst keine Not ist, braucht man keine Kunst. Es muss aus einem heraus wollen. Der Wunsch etwas zu machen und sich darin zu artikulieren, ist eine innere Notwendigkeit.“ (DS, 31.07.2011)

Ich habe versucht, mich in dem Text „Den Ursprung finden: Dominique Stroobant und die Lust an den Anfängen“ sprachlich seinem Wesen und seinen Arbeiten anzunähern. Ob es mir gelungen ist, müssen Sie selbst entscheiden.

Zum Schluss noch einige Impressionen seiner Skulpturen, die ich in Carrara und im Kontext seiner Ausstellung in der Galerie von Axel Vervoordt in Antwerpen aufgenommen habe.

Ich wünschen Ihnen, liebe Frau Blog, wie immer allzeit frischen Code!

Ihr Dirk Pörschmann

Atelier / Foto: Dirk Pörschmann

Atelier Stroobant, Carrara 2011 / Foto: Dirk Pörschmann

Werkstatt / Foto: Dirk Pörschmann

Werkstatt mit Dominique, Carrara 2011 / Foto: Dirk Pörschmann

Ausstellung Galerie Axel Vervoordt, Januar 2012

Ausstellung Stroobant, Galerie Axel Vervoordt, Antwerpen 2012 / Foto: Dirk Pörschmann

Ausstellung Stroobant, Galerie Axel Vervoordt, Antwerpen 2012 / Foto: Dirk Pörschmann

Ausstellung Stroobant, Galerie Axel Vervoordt, Antwerpen 2012 / Foto: Dirk Pörschmann

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