Allgemein, Kunst, Reinheit, Zero

Was ist ein Bild?

Liebe Frau Blog,

es war viel los in den letzten Wochen, so dass dieser Brief lange auf sich warten lassen musste. Ich hoffe, er wird dennoch vergnüglich und erkenntnisreich für Sie sein.

Ich will Ihnen heute etwas zu Otto Piene und einem seiner schönsten Katalogbeiträge schreiben. Im Frühjahr 1959 fand in Antwerpen eine für die Aktivierung der internationalen Zero-Bewegung wesentliche Ausstellung statt. Auf der Einladungskarte, die durch einen nach oben zeigenden Pfeil im Hochformat gestaltet wurde, stand kein Titel, sondern nur der Name des Ausstellungssorts („Hessenhuis-Antwerp“) sowie die zur Drucklegung bekannten Namen der teilnehmenden Künstler: „Breer, Bury, Klein, Mack, Mari, Munari, Piene, Rot, Soto, Spoerri, Tinguely, Van Hoeydonck“. Auf die spannende Geschichte der Zusammensetzung der Ausstellung will ich hier nicht näher eingehen. Vielleicht mache ich das in einem anderen Brief. Vielmehr möchte ich über das Katalogheft schreiben, das in verblüffend Continue reading

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Kunst, Medien, Wahrnehmung

»Der ›digitale Schein‹ ist das Licht, das für uns die Nacht der gähnenden Leere um uns herum und in uns erleuchtet.«

Liebe Frau Blog,

die in der Überschrift zitierten Worte sind 25 Jahre alt. Vilém Flusser hat sie 1991 in seinem Text „Digitaler Schein“ aufgeschrieben.

»Der ›digitale Schein‹ ist das Licht, das für uns die Nacht der gähnenden Leere um uns herum und in uns erleuchtet.
Wir selbst sind dann die Scheinwerfer, die die alternativen Welten gegen das Nichts und in das Nichts hinein entwerfen.«

(In: Vilém Flusser: Lob der Oberflächlichkeit. Für eine Phänomenologie der Medien, Bensheim und Düsseldorf 1993, S. 285.)

Wie seltsam vertraut dies heute klingt. Vor einem Vierteljahrhundert gab es noch kein WorldWideWeb, keine Smartphones Continue reading

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Bildhauerei, Kunst

Kunst als innere Notwendigkeit

Liebe Frau Blog,

in meinem letzten Brief hatte ich Ihnen über den Maler Jef Verheyen geschrieben. Durch die Arbeit am Verheyen-Katalog lernte ich bei Axel Vervoordt in ’s-Gravenwezel den belgischen Bildhauer Dominique Stroobant kennen. Ich führte ein Interview mit ihm, um seine Freundschaft mit Verheyen zu thematisieren. Das Gespräch können Sie hier lesen.

Dominiques Wesen und seine Skulpturen begannen, mich zu faszinieren, und als sich die Möglichkeit ergab, mit ihm eine Publikation zu erarbeiten, folgten viele weitere Stunden intensivster Gespräche und eine Reise nach Carrara, wo Dominique in unmittelbarer Nähe der berühmten Steinbrüche lebt. Die Berge sehen dort aus, als würden Titanen Continue reading

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Kunst, Wahrnehmung

Farbige Entgrenzung in den Zonen des unbefestigten Seins

Liebe Frau Blog,

vor gut einem Jahr erreichte mich ein Anruf, der mich sehr traurig stimmte. Léonore Verheyen war verstorben. Das erzählte mir ihr Mann. Ich mochte und schätzte die Tochter des belgischen Malers Jef Verheyen. Anfang des Jahres 2010 lernte ich sie kennen, als ich die Ausstellung „Jef Verheyen and Friends“ in der Langen Foundation in Neuss vorbereitete. Léonore war selbst Kunsthistorikerin und bemühte sich, den Nachlass ihres Vaters gewissenhaft zu verwalten und Forschern die Möglichkeit zu bieten, das Archiv Verheyen zu nutzen. Die Arbeit in ihrem Archiv und an der die Ausstellung begleitenden Publikation war bereichernd. Die Auseinandersetzung mit den Werken, die ich erstmals in der Sammlung von Axel Vervoordt sehen konnte, war es mindestens ebenso.

Erinnern Sie sich? Continue reading

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Kunst, Ordnung, Reinheit

Ordnung ist das halbe Leben… und Sauberkeit die andere Hälfte?

Liebe Frau Blog,

vor dem Gang ins Bett schicke ich Ihnen noch zwei ordentliche Artikel, um diesen Sonntagabend sauber zu beenden:

Die Kachel als Symbol der deutschen Nachkriegsjahre in der Süddeutschen Zeitung

und

das Deutschlandfunk-Feature zur deutschen Tradition der Reinheitsgebote.

Ich möchte Ihnen gerne dazu noch etwas von Max Frisch zitieren. Das Zitat stammt aus dem zwölften Bild des Dramas Andorra:

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Fragen, Kunst, Kunstvermittlung

Warum fressen wir nicht unsere Hände?

Sehr verehrte Frau Blog,

es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, als ich den Text »Warum fressen wir nicht unsere Hände?« Die Kunst des Fragens oder das Rätseln über die Kunst geschrieben habe, aber noch viel länger erscheint der Beginn des Projekts fragen-zur-kunst.de {adobe flash} zurückzuliegen. Gemeinsam mit Joel Baumann, Tanja Wetzel und vielen Studierenden haben wir im Rahmen eines Projektseminars an der Kunsthochschule Kassel Fragen gestellt. Wir wollten – in Vorbereitung auf die documenta 12 – Fragen zur zeitgenössischen Kunst stellen und sind, mit Videokameras ausgestattet, losgezogen, um die Welt mit unseren Fragen zu überfallen. Zuvor hatte uns die Journalistin und Moderatorin des 3sat-Magazins Kulturzeit, Cécile Schortmann, auf die Möglichkeiten und Fallstricke von Videointerviews vorbereitet. Der belgische Kurator Jan Hoet war das erste Opfer. Er beschenkte uns zugleich mit einem Motto, das uns zum Ansporn werden sollte: Continue reading

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